Klinikkarte 2016015837

Unser Autor nahm eine nicht ganz freiwillige Stichprobe des italienischen Gesundheitswesens durch einen Tag im Krankenhaus von Trapani. Umso größer war die Überraschung über die sizilianischen Verhältnisse dort.

Es ist der erste heiße Tag in diesem Sommer, der Scirocco fegt über den Westen von Sizilien, das Thermometer schießt auf 45 Grad. An der Nordküste werden innerhalb von 36 Stunden fünfhundert Brandherde registriert, „das kann in dieser Häufung kein Zufall sein“, erklärt Rosario Crocetta, der Präsident der Region Sizilien, und vermutet Machenschaften der Mafia dahinter.

In Cefalù geht der Club Méditerranée in Flammen auf, in Palermo werden die Parks geschlossen und der öffentliche Nahverkehr eingestellt, über der Stadt brummen die gelb-roten Flugzeuge der Feuerwehr, Autobahnabschnitte werden gesperrt, Flüge umgeleitet und am Monte Pellegrino zweihundert Menschen aus ihren Häusern evakuiert.

In Trapani bläst der sandige Wind der Sahara. Das Menü am Vorabend war üppig und schwer gewesen, allein die schier endlose Folge der Antipasti hätte gereicht, um satt zu werden, und dann die köstlichen sizilianischen Dolci! Zu viel gegessen, zu wenig getrunken, Kreislaufprobleme, der Blutdruck im Keller, „Herzrhythmusstörungen“, diagnostiziert die Ärztin an meiner Seite: „Da möchte ich doch, bevor wir weiterfahren, ein EKG sehen.“ Dagegen kann auch das abgedroschenste aller Vorurteile nichts ausrichten: „Aber das weiß doch jeder, dass die medizinische Versorgung je weiter südlich desto schlechter ist.“ Also ab ins Krankenhaus.

„Nur Germania“

Das Ospedale Sant’Antonio Abate liegt im neuen Teil von Trapani, in der Nähe der Talstation der Seilbahn, die hinauf nach Erice schwebt, eine moderne Bettenburg mit neun Geschossen, die die uniformen ockergelben Wohnblöcke des Neubauviertels, die hier auch nicht anders aussehen als in Palermo, Parma oder Pisa, überragt. „Pronto soccorso“ zeigt ein Schild in eine Auffahrt, die an der Schmalseite des Gebäudes hinauf zur Notaufnahme führt; dass sie nicht nur mit Blaulicht, sondern auch von einem Fußgänger erreicht werden kann, hat der Architekt damals offenbar nicht bedacht.

Wir betreten das Krankenhaus durch den Haupteingang, wo das Gedränge der Patienten nicht erkennen lässt, ob und wie sie Schlange stehen. Ein älterer Herr beantwortet meinen fragenden Blick mit „Ich bin hier Arzt“ und weist den Weg zur Notaufnahme: „Die Treppe hinauf, dann links, durch die Tür, der Eingang liegt gegenüber.“

Am „Triage“, so das Schild über dem Empfang, ist nur einer vor mir. Noch ehe der Krankenpfleger im weinroten Kittel meine Personalien aufnimmt, misst er meinen Blutdruck, Puls und Sauerstoffgehalt: „Ist doch gar nicht so schlecht.“ Dann erfragt er Name, Vorname, Geburtsdatum, doch keine Adresse, nur „Germania“ – und die Mobilnummer.

Vom „sitzen, liegen, stehen“

Weiß, grün, gelb und rot sind die Farben der vier Dringlichkeitskategorien, die als Wege auf den Boden gemalt sind, ich werde auf gelb, die zweithöchste, eingestuft und auf eine Liege verfrachtet, und schon schiebt mich eine Krankenschwester durch endlose Gänge, vorbei an Untersuchungs-, Kranken- und Wartezimmern, vor denen Patienten mit bandagierten Händen, Nasentamponaden, Augenbinden und ganz unarabischen Turbanen sitzen, in die Räume der Notfallambulanz, wo mir ein EKG geschrieben, ein venöser Zugang gelegt, Blut abgenommen und eine Infusion mit einem Magenmittel angelegt wird. Die technische Ausstattung ist auf dem allerneuesten Stand.

Nach einer halben Stunde werde ich der diensthabenden Ärztin vorgestellt. Dottoressa Rosa Pollina, eine kleine, energische Mittvierzigerin, sitzt in einem winzigen Zimmer an einem winzigen Schreibtisch vor einem Computer und fragt mich, ob ich Italienisch verstehe, welche Beschwerden ich habe und betastet meinen Bauch. „Haben Sie Gallensteine?“ – „Nein, nicht, dass ich wüsste!“ – „Sind Sie das erste Mal in Sizilien?“ – „Nein, das siebte oder achte Mal.“ – „Oh, das ist ja schön. Und woher in Deutschland kommen Sie?“ – „Aus Köln.“ – „In Köln war ich noch nie. Im August war ich in Berlin.“ – „Und wie hat es Ihnen gefallen?“ – „Wunderbar, eine ganz wunderbare Stadt.“ Ihre Augen leuchten.

Dann schickt sie mich zum Kardiologen. Ich werde auf der Liege gefahren, in einen steril metallisch ausgeschlagenen Aufzug geschoben, in dem gerade noch Platz für die Krankenschwester ist, dann geht es durch kahle, fensterlose Gänge, wieder vorbei an Patienten, die vor Behandlungszimmern sitzen, liegen, stehen. Auch beim Kardiologen muss ich nur kurz warten. „Was ist denn passiert?“, fragt er, ein schwergewichtiger Guru mit grauem Bart, dem ein junger Kollege assistiert. Doch er kann offenbar nichts mit mir anfangen, also den ganzen weiten Weg zurück in die Notaufnahme.

„Eine rhetorische Übung“

Von der Liege werde ich in einen Rollstuhl versetzt, der den Anschein akuter Altersschwäche nicht bestätigt, und, der Verdacht auf Gallensteine ist noch zu prüfen, zum Radiologen geschickt. Wieder an Patienten vorbei, wieder in den Aufzug, wieder einen endlosen kahlen Gang entlang. Der Radiologe, Dottore Aldo Manca, ein schlanker Mittfünfziger mit dunkler Filmstar-Brille, fragt wieder „Was ist denn passiert?“, macht eine Ultraschalluntersuchung und findet tatsächlich „Gallensteine, viele, aber ganz kleine“.

„Je mehr man untersucht, desto mehr findet man!“, erklärt er mit leicht mokantem Unterton, und dann stehe ich wieder im Gang, wo der nächste Patient bereits wartet. Er trägt, wir sind in Sizilien, Handschellen und wird von einem Carabiniere eskortiert, der während der Untersuchung vor der Tür wartet.

Ich werde zurück in den Überwachungsraum gefahren und an den Monitor gehängt. Mein Puls läuft regelmäßig wie ein Schweizer Uhrwerk. An der Wand hängt ein Schild mit einem rot durchgestrichenen Mobiltelefon, doch keiner der sechs, sieben Patienten im Zimmer ist, sprechend oder simsend, nicht mit seinem iPhone beschäftigt. Zwei hinfällige alte Männer, die auf ihren Liegen ruhen, werden von, wie es scheint, ihrer ganzen Familie umringt, die sie liebkost, küsst und ihnen gut zuredet. Die Ansprache der Krankenschwester, die mit bemühter Strenge in die Tür tritt und ruft: „Meine Damen, meine Herren, ich bitte alle Angehörigen, den Raum zu verlassen und nebenan im Wartezimmer Platz zu nehmen“, bleibt, auch in der Wiederholung, eine rhetorische Übung.

Kostenlos in Italien

Der junge Mann auf der Liege neben mir trägt ein T-Shirt, auf dem „Cool“ steht, und erzählt ins Telefonino, er habe Salmonellen im Blut. Als er mitbekommt, dass ich Deutscher bin, stellt er sich mit „Ich komme aus Bologna, das ist in Norditalien“ vor, „bei uns in der Nähe wird der Lamborghini gebaut, seit Audi das Werk übernommen hat, sind die Produktionszahlen von dreihundert auf mehr als dreitausend im Jahr gestiegen, ganz großartig ist das; da können Sie mal sehen, was möglich ist, wenn italienische Ideen und deutsche Organisation zusammenfinden.“ Als er kurz darauf entlassen wird, grüßt er emphatisch und zwinkert mir zu.

Gallensteine, ich hab’s doch gesagt“, begrüßt mich Rosa Pollina beim Wiedersehen und reckt die zierliche Faust zur Siegerpose, „aber alle Blutwerte, besonders die Herzwerte sind in Ordnung. Um ganz sicherzugehen, können wir Sie jetzt noch einmal zwei Stunden ans EKG hängen. Sie können Ihre Ferien fortsetzen. Was haben Sie denn als Nächstes vor?“ – „Eigentlich wollten wir heute einen Ausflug nach Favignana machen.“ – „Nach Favignana oder auch auf die anderen Ägadischen Inseln, nach Levanzo und Marettimo?“ – „Ich dachte, vielleicht erst einmal nur nach Favignana. Aber eine ganz andere Frage: Wie mache ich das denn mit der Bezahlung, bekomme ich eine Rechnung, akzeptiert das Krankenhaus Kreditkarten?“ – „Sie bezahlen gar nichts. Solche medizinischen Leistungen sind in Italien kostenlos. Hier ist Ihre Klinikkarte mit allen Befunden, ich brauche nur zwei Unterschriften von Ihnen. Aber fahren Sie nicht nur nach Favignana, sondern auch zu den anderen Inseln. In Levanzo müssen Sie die Grotta dei Genovese besuchen, da können Sie vorgeschichtliche Felszeichnungen sehen, die sind mehr als zehntausend Jahre alt, das gibt es nur bei uns in Sizilien.“

Um 10.26 Uhr hatte ich – so steht es auf meiner „Cartella clinica No. 2016015837“, zweieinhalb eng bedruckten Seiten, die alle Werte, Diagnosen und die Namen der mich behandelnden Ärzte und Krankenpfleger enthalten – das Hospital betreten, um 14.06 Uhr wurde ich entlassen. Erst jetzt fällt mir auf, wie schön kühl es im Krankenhaus war. Vor der Tür hat sich der Scirocco gelegt, die Hitze staut sich. Es gibt weniger angenehme Möglichkeiten, in Trapani den ersten heißen Sommertag zuzubringen als im Ospedale Sant’Antonio Abate.

Source: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/unfreiwilliger-bericht-aus-italienischer-klinik-14361661.html

News